Artikel mit Tag verkehrsunfallstatistik
Montag, 6. Juli 2009
Über die unsinnige Aussage “56.6 Prozent der Radfahrer-Unfälle in Leipzig haben die Radler selbst verursacht” hatte ich hier schon mal berichtet. Das hält die Polizei aber nicht davon ab, sie immer wieder zu propagieren. Zuletzt – ja, es ist ein paar Wochen her, aber die schon oft genannten privaten Gründe und so – am 19.06.09 in der täglichen Pressemitteilung. Fahrräder haben keine Knautschzone
Dennoch verhalten sich einige, als sei ihnen das egal und die Straße gehöre ihnen allein. Kommt es dann zu einem Unfall, so gehen die Schäden meist über bloße Sachschäden hinaus. Nicht selten sind Schürfwunden, Prellungen oder gar Brüche die Folge. Von den im Jahr 2008 polizeilich registrierten Verkehrsunfällen mit Radbeteiligung verletzten sich insgesamt 792 Personen, 97 davon sogar schwer. Vier Radfahrer wurden bei Unfällen getötet. In 74 % der Unfälle waren Pkws beteiligt. Aus Sicht der Polizei war 2008 das Fehlverhalten von Radfahrern ursächlich bei 56,5 % aller Unfälle mit Radfahrerbeteiligung. Neben der falschen Straßenbenutzung konnte auch das Missachten der Vorfahrt zu den Fehlern der Radfahrer gezählt werden. Die Aussagen verkürzen das Bild gleich in mehrfacher Weise:
- In den genannten knapp 57 Prozent “Schuldquote” sind auch Fälle mitgezählt, in denen der Radfahrer den Unfall nach Ansicht der Polizei “erheblich mitverschuldet” hat. Hauptverursacher war in diesem Fällen trotzdem der andere Unfallbeteiligte. Ohne das Konstrukt des “erheblichen Mitverschuldens” liegt die “Schuldquote” bei 46,3% – schon weniger als die Hälfte.
- Selbst diese 46,3 Prozent hören sich schlimmer an, als sie sind. Um das zu verdeutlichen, wechseln wir doch einfach mal die Verkehrsart: Etwa 85 Prozent aller Unfälle mit Kfz-Beteiligung in Leipzig werden von Kfz-Führern verursacht (Anmerkung am Rande: Ich lasse netterweise das irreführende “selbst” weg). Selbst von wirklich allen Unfällen – unabängig davon, wie die Beteiligten unterwegs waren – werden etwa drei Viertel von Kfz-Führern verursacht.
Hintergrund ist, dass die Schuldfrage nur bei Unfällen zwischen verschiedenen Verkehrsarten richtig interessant ist, denn bei Unfällen z. B. zwischen zwei Radfahrern hat immer einer von beiden Schuld – die “Schuldquote” liegt also bei sagenhaften 100%. Nimmt man die Unfälle mit 100%-Schuldquote aus der Betrachtung (Alleinunfälle oder Unfälle Rad-Rad) heraus, sind Radfahrer in 39,3% der Unfälle Hauptverursacher. - Die polizeiliche Unfallstatistik ist in der Schuldfrage nicht sehr genau; sie erfasst nur, wie Polizisten die Unfallsituationen einschätzen – Gerichte und Staatsanwaltschaften entscheiden unter Umständen ganz anders.
Warum also führt die Polizei immer wieder in die Irre? Die Polizeidirektion Leipzig schreibt mir: Die Statistik soll aber nicht die Schuldfrage klären, sondern dazu beitragen, sowohl Verursachern, als auch Betroffenen vor Augen zu halten, wo die Risiken im Verkehr liegen. Ein durchaus sinnvolles Ziel – nur ist es mit Blick auf die Schuldfrage meiner Meinung nach nicht zu erreichen: Auf diese Weise werden nur Vorurteile geschürt, die nicht zutreffen – “Radfahrer sind doch selbst schuld, wenn sie einen Unfall haben!”
Wenn die Polizei deutlich machen will, wo Risiken im Verkehr liegen, muss sie klar die Fehler nennen, die Verkehrsteilnehmer machen – und zwar nicht nur die der Radfahrer, sondern auch die der anderen Verkehrsteilnehmer. Nichts schaden würde es im Übrigen, wenn die unfallträchtigen Fehler häufiger Gegenstand von Verkehrskontrollen wären – und auch das bei allen Verkehrsteilnehmern.
(Quelle für alle Zahlen: Polizeidirektion Leipzig)
Montag, 16. März 2009
Aus der LVZ vom Samstag: Neun Personen kamen im Vorjahr auf Leipzigs Straßen bei 14 700 Verkehrsunfällen ums Leben, 2200 wurden zum Teil schwer verletzt. Diese Bilanz zog Polizeihauptkommissar Mario Gödt auf der Jahreshauptversammlung der Messestadt Verkehrswacht. Damit gab es zwar 2008 mit neun Todesopfern die geringste Anzahl im zurückliegenden Jahrzehnt, doch das seien eben immer noch neun zu viel gewesen, erklärt Gödt.
1999 verunglückten noch 23 Verkehrsteilnehmer in Leipzig tödlich, in den Jahren 2000 und 2001 jeweils 22 Männer und Frauen.
Besorgniserregend habe sich das Verhalten der Radfahrer entwickelt. „Sie waren allein an 1165 Unfällen beteiligt und verursachten 56,5 Prozent davon selbst“, so der Polizeihauptkommissar. Komisch, vor fast genau einem Jahr habe ich einen ähnlichen Artikel schon einmal zerpflückt. Dazugelernt hat seitdem anscheinend keiner der Beteiligten.
"Jedes Jahr aufs Neue: Radfahrer sind selbst schuld!" vollständig lesen
Dienstag, 13. Mai 2008
Die Polizeidirektion Leipzig hat fleißig gezählt und die Verkehrsunfallstatistik für 2007 vorgestellt. Eine paar Fragen meinerseits nach genaueren Daten wurden gestern (am Feiertag!) netterweise auch beantwortet, so dass ich hier über ein bisschen mehr als zwei nackte Zahlen referieren kann.
Mehr Verkehrsunfälle insgesamt
Insgesamt gab es im vergangenen Jahr in Leipzig 14.747 (gemeldete) Verkehrsunfälle. Bei 1.866 davon waren insgesamt 2.165 Verletzte zu beklagen. 14 Menschen kamen bei Verkehrsunfällen ums Leben. Diese Zahlen sind im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen.
Mehr Unfälle mit Beteiligung von Radfahrern
2007 gab es 1.159 Unfälle, an denen Radfahrer beteiligt waren. Das sind 8,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Auffällig ist, dass auch der Anteil der Radfahr-Unfälle an der Gesamtzahl seit fünf Jahren stetig steigt. Lag dieser Wert 2002 noch bei 5,5 Prozent, ist er inzwischen auf 7,9 Prozent gestiegen. Das bedeutet aber nicht, dass Radfahren in Leipzig gefährlicher geworden ist: Ein (gar nicht so abwegiger) Erklärungsansatz ist vielmehr, dass der Radverkehrsanteil in diesem Zeitraum ebenso gestiegen ist. Dieser Wert wird allerdings nur alle fünf Jahre ermittelt. Die aktuellsten Daten sind von 2003, so dass kein Vergleich möglich ist.
Radfahrer meist Unfallopfer
Bei 502 Unfällen waren Radfahrer die Hauptverursacher. Davon waren 60 Allein- und 72 Unfälle zwischen Radfahrern. Bei Unfällen mit anderen Verkehrsteilnehmern waren damit Radfahrer zu 36 Prozent Hauptverursacher — in knapp zwei Dritteln sind sie Opfer.
“Nicht unerhebliches Mitverschulden”
Die Polizei legt aber Wert auf die Feststellung, dass bei etwa einem Drittel der Unfälle, bei denen andere Verkehrsteilnehmer hauptverantwortlich sind, den betroffenen Radfahrer ein “nicht unerhebliches Mitverschulden” vorzuwerfen ist. Das Fehlverhalten der Radfahrer sei dabei vor allem Fahren auf dem Fußweg, Fahren in die falsche Richtung oder das Fehlen bzw. die Nichtfunktion von Beleuchtung.
Unfallursachen
Wenn Radfahrer Unfälle verursachen, haben sie meist Fehler beim Einfahren in den fließenden Verkehr gemacht, sind unter Alkoholeinfluss gefahren, haben die Vorfahrt nicht beachtet, sind zu schnell oder bei Rot über die Ampel gefahren. Die Liste der Fehler, die Autofahrer machen und die zu Unfällen mit Radfahrern führen, sieht etwas anders aus: Nichtbeachten der Vorfahrt, Fehler beim Abbiegen, Fehler beim Einfahren in den fließenden Verkehr, Fahren trotz roten Lichtzeichens sowie Wenden und Rückwärtsfahren zählt die Polizei als häufigste Unfallursachen auf. “Fehler beim Abbiegen” und “Nichtbeachten der Vorfahrt” treten — meiner Erfahrung nach — hauptsächlich dort auf, wo es Radwege gibt. Eine genauere Analyse dazu gibt es aber noch nicht. Erst im diesen Jahr sollen alle Radfahrerunfälle genauer untersucht werden.
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