Vor inzwischen einigen Wochen gab es in der Leipziger Volkszeitung einen Bericht über den Radstreifen in der Richard-Lehmann-Straße. Der ist in Höhe der Post regelmäßig zugeparkt. Der Leipziger ADFC-Vorsitzende Ulrich Patzer forderte deswegen, dort auch mal Autos abzuschleppen, um das Halteverbot auf dem Radfahrstreifen durchzusetzen. Diese Aussage ist für den üblichen Leipziger Autofahrer anscheinend unerträglich.
In Leserbriefen werden seitdem Ulrich Patzer im Speziellen und Radfahrer im Allgemeinen angegriffen. Der grundsätzliche Tenor: Radfahrer halten sich so gut wie nie an Verkehrsregeln, sie fahren auf Gehwegen, ohne Licht, biegen ohne Handzeichen ab und sind sowieso rücksichtslos. Bevor er sich über Autofahrer beschwert und das Abschleppen von falsch geparkten Autos fordert, soll Ulrich Patzer doch lieber bei “seiner Klientel” für Ordnung sorgen.
Nun habe ich ansichts des erlebten Klimas auf der Straße mit ähnlichen Reaktionen gerechnet – das Ausmaß dieser Hetze gegen Radfahrer hat mich aber doch erschreckt. Der Gedanke, der hinter diesen Leserbriefen steckt, ist mehr als zynisch: Weil es (angeblich) viele Radfahrer gibt, die sich nicht an Regeln halten, brauchen die Rechte aller Radfahrer nicht beachtet zu werden. Abgesehen davon, dass oft Fehlverhalten gesehen wird, wo keines ist (Radfahrern ist zum Beispiel nicht vorgeschrieben, beim Abbiegen Handzeichen zu geben), wage ich zu behaupten, dass ein Großteil der Radfahrer einigermaßen rücksichtsvoll und ordnungstreu unterwegs sind. Nur eine Minderheit ignoriert wirklich alle Regeln. Deswegen eine ganze Gruppe von Verkehrsteilnehmern in die Ecke der Schande zu stellen, ist eine ziemliche Übertreibung. Über Verkehrsverstöße von Autofahrern höre ich keine so große Aufregung. Und da gäbe es auch einiges, dass einen auf die Palme bringen sollte: Zu hohe Geschwindigkeit, Überholen mit zu wenig Seitenabstand, Falschparken und so weiter.
Auch die Forderung, der ADFC solle zunächst für Ordnung “seiner Klientel” sorgen, ist ziemlich abstrus. Wie abstrus, zeigt, dass noch keine Forderung aufgekommen ist, der ADAC möge dafür sorgen, dass sich Autofahrer an die Straßenverkehrsordnung halten. Abgesehen davon: Verkehrsverstöße haben Polizei, Ordnungsamt und Gerichte zu sanktionieren und niemand sonst.
Nachtrag 07.01.08:
Inzwischen hat die LVZ nachgelegt und Ulrich Patzer zu “rücksichtslosen Radfahrern” und dem Verkehrsklima in Leipzig befragt. Der ADFC hat das Interview auf seiner Webseite veröffentlicht (der Link wird aber vermutlich leider nur kurze Zeit funktionieren).
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Aufgenommen: Jan 10, 22:33
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Aufgenommen: Jan 31, 17:52