Über die unsinnige Aussage “56.6 Prozent der Radfahrer-Unfälle in Leipzig haben die Radler selbst verursacht” hatte ich hier schon mal berichtet. Das hält die Polizei aber nicht davon ab, sie immer wieder zu propagieren. Zuletzt – ja, es ist ein paar Wochen her, aber die schon oft genannten privaten Gründe und so – am 19.06.09 in der täglichen Pressemitteilung.
Fahrräder haben keine Knautschzone
Dennoch verhalten sich einige, als sei ihnen das egal und die Straße gehöre ihnen allein. Kommt es dann zu einem Unfall, so gehen die Schäden meist über bloße Sachschäden hinaus. Nicht selten sind Schürfwunden, Prellungen oder gar Brüche die Folge. Von den im Jahr 2008 polizeilich registrierten Verkehrsunfällen mit Radbeteiligung verletzten sich insgesamt 792 Personen, 97 davon sogar schwer. Vier Radfahrer wurden bei Unfällen getötet. In 74 % der Unfälle waren Pkws beteiligt. Aus Sicht der Polizei war 2008 das Fehlverhalten von Radfahrern ursächlich bei 56,5 % aller Unfälle mit Radfahrerbeteiligung. Neben der falschen Straßenbenutzung konnte auch das Missachten der Vorfahrt zu den Fehlern der Radfahrer gezählt werden.
Die Aussagen verkürzen das Bild gleich in mehrfacher Weise:
- In den genannten knapp 57 Prozent “Schuldquote” sind auch Fälle mitgezählt, in denen der Radfahrer den Unfall nach Ansicht der Polizei “erheblich mitverschuldet” hat. Hauptverursacher war in diesem Fällen trotzdem der andere Unfallbeteiligte. Ohne das Konstrukt des “erheblichen Mitverschuldens” liegt die “Schuldquote” bei 46,3% – schon weniger als die Hälfte.
- Selbst diese 46,3 Prozent hören sich schlimmer an, als sie sind. Um das zu verdeutlichen, wechseln wir doch einfach mal die Verkehrsart: Etwa 85 Prozent aller Unfälle mit Kfz-Beteiligung in Leipzig werden von Kfz-Führern verursacht (Anmerkung am Rande: Ich lasse netterweise das irreführende “selbst” weg). Selbst von wirklich allen Unfällen – unabängig davon, wie die Beteiligten unterwegs waren – werden etwa drei Viertel von Kfz-Führern verursacht.
Hintergrund ist, dass die Schuldfrage nur bei Unfällen zwischen verschiedenen Verkehrsarten richtig interessant ist, denn bei Unfällen z. B. zwischen zwei Radfahrern hat immer einer von beiden Schuld – die “Schuldquote” liegt also bei sagenhaften 100%. Nimmt man die Unfälle mit 100%-Schuldquote aus der Betrachtung (Alleinunfälle oder Unfälle Rad-Rad) heraus, sind Radfahrer in 39,3% der Unfälle Hauptverursacher. - Die polizeiliche Unfallstatistik ist in der Schuldfrage nicht sehr genau; sie erfasst nur, wie Polizisten die Unfallsituationen einschätzen – Gerichte und Staatsanwaltschaften entscheiden unter Umständen ganz anders.
Warum also führt die Polizei immer wieder in die Irre? Die Polizeidirektion Leipzig schreibt mir:
Die Statistik soll aber nicht die Schuldfrage klären, sondern dazu beitragen, sowohl Verursachern, als auch Betroffenen vor Augen zu halten, wo die Risiken im Verkehr liegen.
Ein durchaus sinnvolles Ziel – nur ist es mit Blick auf die Schuldfrage meiner Meinung nach nicht zu erreichen: Auf diese Weise werden nur Vorurteile geschürt, die nicht zutreffen – “Radfahrer sind doch selbst schuld, wenn sie einen Unfall haben!”
Wenn die Polizei deutlich machen will, wo Risiken im Verkehr liegen, muss sie klar die Fehler nennen, die Verkehrsteilnehmer machen – und zwar nicht nur die der Radfahrer, sondern auch die der anderen Verkehrsteilnehmer. Nichts schaden würde es im Übrigen, wenn die unfallträchtigen Fehler häufiger Gegenstand von Verkehrskontrollen wären – und auch das bei allen Verkehrsteilnehmern.
(Quelle für alle Zahlen: Polizeidirektion Leipzig)
Die Verkehrsunfallstatistik für Radfahrer im Jahr 2008 war hier schon mal Thema. Jetzt hat mir die Polizeidirektion ein paar detailliertere Zahlen, zur Verfügung gestellt. Allerdings wurde mit der Auswertung nicht am Jahresanfang begonnen, so dass nur 98
Aufgenommen: Apr 20, 22:25