Donnerstag, 4. Juni 2009
Wer’s noch nicht getan hat: Bitte den einführenden Artikel zu dieser Serie lesen!
Auch wenn die FDP die Fragen des forum urban mobil nicht beantwortet hat, möchte ich die Partei hier dennoch würdigen. Sie hat sich dafür mit ihrer breiten Plakatierung des Slogans “Parkplätze statt Knöllchen” erfolgreich beworben. Grundlage für die Bewertung ist das offizielle Wahlprogramm der Leipziger FDP.
Das Fazit vorab: Wer sollte die FDP wählen?
Alle Autobesitzer, die schon immer dachten, dass freie Bürger freie Fahrt brauchen. Die FDP setzt sich vor allem für flüssigen Autoverkehr ein, ist gegen Tempo- und Verkehrsbeschränkungen und will fehlende Parkplätze auf Kosten der Allgemeinheit bauen. Alltagsradfahrer sollten ihre Kreuze möglichst woanders machen, wenn sie nicht auf Radwege gesperrt werden wollen. Insgesamt darf der FDP ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt werden: Sie setzt auf eine Verkehrspolitik aus dem vergangenen Jahrhundert.
Das Programm (in Auszügen) seziert
Freiheit braucht Mobilität
Die Leipziger Bürgerinnen und Bürger haben ein Recht auf Mobilität und ein leistungsfähiges Straßennetz.
Hauptachsen bilden hierbei großräumige Erschließungsstraßen sowie innerer und äußerer Tangentenring.
Zweck dieser Hauptverkehrsadern ist eine effiziente und Ziel führende Bündelung der Verkehrströme in
die einzelnen Wohngebiete, die Peripherie und zum Autobahnring. Standzeiten sollten hierbei auch im
Sinne lärmtechnischer und umweltpolitischer Aspekte minimiert werden. Wir fordern die zügige Bereitstellung der Mittel zum Ausbau der Durchgangsstraßen, bei denen es sich überwiegend um Bundes- und Staatsstraßen handelt. Der kostenintensive Rückbau vorhandener Fahrspuren stößt bei den Liberalen auf Protest. Die Erkenntnis, dass mehr Straßen auch für mehr (Auto-)Verkehr sorgen, hat sich also noch nicht bis zur Leipziger FDP herumgesprochen.Bedarfsampeln an Hauptverkehrsstraßen sind vor allem dann sinnvoll, wenn sie im Sinne des fließenden Verkehrs an die Taktung der Kreuzungsampeln angepasst werden. Die Liberalen sehen außerdem noch große Potenziale zur Abschaltung von Ampeln in verkehrsarmen Zeiten sowie die feiertägliche Umschaltung der Ampeln auf die Sonntagstaktung. Auf entsprechend ausgebauten Hauptstraßen kann die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf 60 km/h erhöht werden.
Die ideologisch motivierte Schikanierung und Bekämpfung des Individual- sowie Last- und Lieferverkehrs lehnt die FDP ab. Mobilität muss gewährleistet bleiben. Wir sind gegen die Ausbremsung des Verkehrs auf Durchgangsstraßen, wie sie auch durch Tempo-30-Zonen und verstärkte Gleichberechtigung von Straßen stattfindet. So sehr eine Verkehrsberuhigung in Wohngebieten zu begrüßen ist, müssen erst einmal Umgehungsstraßen mit ausreichender Kapazität vorhanden sein, um andere Straßen entlasten bzw. beruhigen zu können. Ideologisch beschränkt ist allein die FDP: Die Einschränkungen an Lebensqualität und Gesundheit durch motorisierten Individualverkehr sind nun wirklich kaum zu übersehen. Es geht ja nicht darum, Mobilität einzuschränken, sondern eine andere Mobilität zu fördern.
Geschwindigkeitskontrollen dienen der Verkehrssicherheit und nicht der Stützung öffentlicher Haushalte, Kontrollen im Bereich von Gefahrenstellen werden von der FDP ausdrücklich befürwortet. Auch ich kann Aussagen der FDP zustimmen – wow!
Mehr Parkplätze statt Knöllchenabzocke
Die Stadt Leipzig nimmt jährlich hohe sechsstellige Beträge für Stellplatzablösen ein. Diese Stellplatzablösen müssen vornehmlich für die Beseitigung von akuten Parkplatzproblemen in einigen Wohnvierteln verwendet werden, genau dort wo sie eingenommen werden, so etwa im Waldstraßenviertel oder in Schleußig. Und wie bitte soll das funktionieren? In den Gründerzeitvierteln ist schlicht kein Platz, um für jeden Haushalt zwei Parkplätze zur Verfügung zu stellen.Mit ihrer Politik will die Stadt ihre Bürger zum Umsteigen auf Bimmel und Fahrrad zwingen. Das ist aber nicht möglich: Arbeitgeber verlangen mobile und flexible Mitarbeiter, auch für junge Familien ist das Auto oft einziger Garant für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Auch ich erwarte von der Stadt keine Erziehungsmaßnahmen, aber ich erwarte die Förderung attraktiver, lebendiger Viertel. Jede Menge Blech trägt dazu nicht bei. Die FDP übersieht, dass man den automobilen Mobilitätswahn durchaus kritisch hinterfragen kann – und vor allem, dass die Mehrzahl der Wege in Leipzig ohne Auto zurückgelegt wird.
Aufgabe der Kommunalpolitik ist es nicht, die Bürger zu erziehen, sondern die Stadt den Bedürfnissen ihrer Einwohner bestmöglich anzupassen. Die Leipziger Liberalen erachten einen Ausbau des P+R Systems als sinnvoll. Es soll dabei nicht nur im Rahmen von Großveranstaltungen in Stadion und Arena zum Tragen kommen, sondern auch an Sonnabenden, zur Weihnachtszeit, ebenso wie bei Großveranstaltungen wie Bach- und Stadtfest, da hier die Parkkapazitäten im Innenstadtbereich erschöpft sind. Durch ein effizientes, komfortables P+R System ist zudem eine Entlastung des Stadtzentrums vom touristischen und eventorientierten Individualverkehr zu erreichen.
Eine generell autofreie Innenstadt lehnen wir ab.
Parkplätze sind ein wichtiger Baustein für mehr Mobilität innerhalb Leipzig, sie künstlich zu verknappen, um den mündigen Bürger zum Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel zu zwingen, wird von den Liberalen abgelehnt. Außerdem zieht der Mangel an Parkraum regelmäßig den Automatismus nach sich, dass Rad- und Fußwege zugeparkt werden und insbesondere dadurch die Sicherheit gefährdet wird. Die FDP scheint dafür sogar Verständnis zu haben. Ein seltsames Rechtsverständnis ist das. Abgesehen davon habe ich nicht den Eindruck, dass die Stadtverwaltung Parkplätze künstlich verknappt – es fehlt schlicht der Platz für die vielen gewünschten Parkplätze.
Fuß- & Radwege verbessern
Leipzig zählt zu den fahrradfreundlichsten Städten Deutschlands. Diesen guten Ruf müssen wir verteidigen, in dem wir unsere Radwege weiter ausbauen und pflegen. Das beste und aus liberaler Überzeugung sinnvollste Mittel, die Leipziger für eine umweltbewusste Fortbewegung zu gewinnen, ist es, diese so attraktiv wie möglich zu machen. Der letzte Satz stimmt ja, aber mit der Förderung des Autoverkehrs und dem Bau von Radwegen wird man das nicht schaffen: Ein hoher Autoanteil am Gesamtverkehr macht Radfahren unattraktiv, Radwege machen es gefährlich.
Die eigenen Füße sind das umweltfreundlichste Verkehrsmittel. Gleichzeitig sind Fußgänger die schwächsten Teilnehmer am Straßenverkehr, ihre Sicherheit hat deshalb hohe Priorität. Die Sanierung von Bürgersteigen, die Schaffung von Straßenübergängen und deren Ausrüstung mit Querungshilfen für blinde Mitbürger werden von der FDP gefordert.
Die Kapazitäten an Fahrradständern im Citybereich müssen an den tatsächlich vorhandenen Bedarf angepasst werden, zudem ist es nicht akzeptabel, Abgaben von Händlern zu erheben, die Fahrradständer vor ihren Geschäften zur Verfügung stellen. In der Innenstadt müssen zügig mehr Abstellmöglichkeiten für Fahrräder geschaffen werden, so dass die Radler von allen Seiten möglichst nahe an die City gelangen und dort ihre Räder abstellen können. Eine unterstützenswerte Forderung!Eine Aufhebung der bislang bestehenden Radfahrverbote in den Fußgängerzonen der City während der Ladenöffnungszeiten hält die FDP für falsch.
Dem Zuparken der Radwege muss ein Riegel vorgeschoben werden. Wie, eben war die FDP doch noch so verständnisvoll?
Das Radwegenetz muss weiter ausgebaut werden. Solange Bürgersteige aber vereinzelt nach wie vor Stolperpisten sind und Radwege im Nichts oder an hohen Bordsteinkanten enden, sind Fußgänge und Radfahrten für manchen Leipzig einfach noch nicht das geeignete Fortbewegungsmittel. Hier darf sich Leipzig nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen und muss weiter an der Verbesserung arbeiten. Verbesserung gerne, nur mit den FDP-Ideen wird das nicht drin sein.
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